Woran machen wir die Festtermine fest?
Wir möchten Gottes Feste zu den Zeiten feiern, die er in seinem Wort bestimmt hat. Deshalb beginnen wir bei den Monats- und Tagesangaben der Torah. Gott nennt seine Festzeiten und fordert sein Volk auf, sie zu ihrer bestimmten Zeit auszurufen. Unsere Kalendergestaltung soll diesen Vorgaben dienen und uns helfen, seine Einladungen bewusst wahrzunehmen. (3.Mose 23:4-8,23-34)
Als Gemeinschaft orientieren wir uns dabei an der Sichtung der ersten neuen Mondsichel in Israel und berücksichtigen für den Jahresanfang die Abibzeit und den Entwicklungsstand der Gerste im Land Israel. Wir verstehen diese Verbindung von Mondlauf und Erntezeit als einen Weg, den biblischen Festkalender anhand der Zeichen in Gottes Schöpfung nachzuvollziehen.
Warum wir den Mond beobachten
Schon im Schöpfungsbericht bestimmt Gott die Lichter am Himmel als Zeichen für Zeiten, Tage und Jahre. Psalm 104 verbindet den Mond ausdrücklich mit den festgesetzten Zeiten. Die Torah ordnet außerdem besondere Opfer für die Monatsanfänge an. Der Mond und die Erneuerung der Monate besitzen damit eine erkennbare Bedeutung für die biblische Zeitordnung. (1.Mose 1:14-18; Psalm 104:19; 4.Mose 28:11-15)
Die Torah beschreibt allerdings kein vollständiges Verfahren zur Beobachtung der ersten Sichel. Unsere Entscheidung für die Sichtung beruht deshalb auf unserem Verständnis dieser biblischen Zusammenhänge und auf der historisch bezeugten Praxis. Wir möchten das erneute Sichtbarwerden des Mondes als beobachtbares Zeichen des Monatsanfangs ernst nehmen.
Unter Neumondsichtung verstehen wir die erste sichtbare Sichel nach der dunklen Mondphase. Eine berechnete Erwartung ihrer Sichtbarkeit kann die Beobachtung vorbereiten. Sie ist aber noch keine tatsächlich bestätigte Sichtung. Deshalb unterscheiden wir zwischen einer Vorhersage und einem nachvollziehbaren Beobachtungsbericht.
Wie Monatsanfänge früher festgestellt wurden
Die Mischna beschreibt, wie Zeugen über ihre Mondsichtung befragt wurden. Dabei ging es beispielsweise um die Stellung und das Aussehen der Sichel. Nach der Prüfung erfolgte die öffentliche Heiligung des Monats durch das zuständige Gericht. Die Sichtung war somit eine wesentliche Grundlage des Verfahrens; die Prüfung und Bekanntgabe ermöglichten eine gemeinsame, verbindliche Festzählung. (Mischna Rosch Haschana 2:6-7)
Nachrichten über den festgestellten Monatsanfang wurden auch an Gemeinden außerhalb des Landes weitergegeben. Die Quellen berichten zunächst von Feuerzeichen und später von ausgesandten Boten. Die Gemeinden in der Diaspora waren dadurch mit der Kalenderfeststellung im Land Israel verbunden. (Mischna Rosch Haschana 2:2-4)
Heute fehlt eine allgemein anerkannte zentrale Instanz, die dieses frühere Verfahren für alle Gemeinden verbindlich fortführt. Wir beanspruchen deshalb keine entsprechende Autorität. Für unsere Gemeinschaft prüfen wir verfügbare Sichtungsberichte und legen unsere Orientierung offen.
Den Einwand, ohne Sanhedrin könne man überhaupt keine Festtermine bestimmen, beantworten wir so: Das frühere Gericht erfüllte eine wichtige Aufgabe der Prüfung und gemeinsamen Feststellung. Sein Fehlen beseitigt nach unserem Verständnis jedoch weder Gottes Festgebote noch die Zeichen seiner Schöpfung. Wir bemühen uns daher um eine verantwortliche Anwendung der biblischen Grundlagen unter den heutigen Bedingungen.
Warum die Sichtung in Israel für uns maßgeblich ist
Gottes Festgebote stehen in einem besonderen Zusammenhang mit dem Land Israel und dem von ihm erwählten Ort der Anbetung. Für Pessach, Schawuot und Sukkot ordnet die Torah das Erscheinen vor dem HERRN an diesem Ort an. Die Festzeiten waren damit auch Zeiten gemeinsamer Zusammenkunft und Wallfahrt. (5.Mose 16:1-17)
Darin erkennen wir einen Grund, Israel auch für unsere Kalendergestaltung als gemeinsamen Bezugspunkt zu nehmen. Dieses Verständnis wird durch die historischen Berichte über die Übermittlung der Monatsanfänge an auswärtige Gemeinden ergänzt: Die Festzählung sollte diese Gemeinden mit dem Zentrum der gemeinsamen Anbetung verbinden.
Die erste Sichel kann aufgrund unterschiedlicher geografischer und atmosphärischer Bedingungen an verschiedenen Orten zu unterschiedlichen Zeitpunkten sichtbar werden. Eine örtliche Sichtung in Deutschland oder einem anderen Land ist deshalb nicht automatisch mit einer Sichtung in Israel gleichzusetzen. Für unsere Gemeinschaft möchten wir einen einheitlichen Bezugspunkt bewahren.
Dass wir in Deutschland leben, bedeutet für uns daher nicht, dass wir einen eigenen Monatsanfang anhand der örtlichen Sichtbarkeit festlegen müssen. Wir richten die Monatszählung nach den von uns geprüften Berichten aus Israel aus; den Beginn und das Ende unserer Festtage beachten wir dagegen am jeweiligen Aufenthaltsort von Abend zu Abend.
Diese Entscheidung ist unsere begründete Auslegung. Die Torah enthält keine ausdrückliche geografische Vorschrift zur Sichtung der ersten Sichel.
Warum wir die Gerste und die Abibzeit beachten
Gott bestimmt den Monat des Auszugs aus Ägypten zum ersten Monat. Die Torah nennt ihn Abib und fordert ausdrücklich dazu auf, diesen Monat zu beachten und darin Pessach zu halten. Abib bezeichnet die Ährenzeit beziehungsweise einen Entwicklungszustand des Getreides. Auch die Darbringung der ersten Erntegabe verbindet die Festzeiten mit dem landwirtschaftlichen Jahreslauf im Land Israel. (2.Mose 12:1-2; 2.Mose 13:4; 5.Mose 16:1; 3.Mose 23:10-14)
Deshalb betrachten wir für den Jahresanfang neben dem Mond auch den Entwicklungsstand der Gerste in Israel. Wir möchten den ersten Monat mit der biblischen Abibzeit verbinden und verhindern, dass die Frühlingsfeste durch eine reine Mondzählung durch die Jahreszeiten wandern.
Auch historische rabbinische Quellen nennen die Getreideentwicklung als Kriterium für die Einschaltung eines zusätzlichen Monats. Sie berücksichtigen daneben weitere Faktoren, darunter die Entwicklung der Baumfrüchte und den Sonnenjahreslauf. Die Gerste war somit ein wichtiges Kriterium, aber nicht das einzige. (Talmud Sanhedrin 11b)
Die Torah legt kein vollständiges Verfahren für heutige Gerstenprüfungen fest. Darum sind sorgfältige Beobachtung, nachvollziehbare Berichte und ein verantwortlicher Umgang mit unterschiedlichen Einschätzungen wichtig.
Warum wir den berechneten Kalender nicht als Grundlage wählen
Der heute gebräuchliche jüdische Kalender legt die Monatsanfänge und Schaltjahre durch feste Berechnungsregeln fest. Er ermöglicht langfristige Planung und eine weitgehend gemeinsame Festbegehung weltweit. Diese praktischen Vorteile erkennen wir an.
Dieser Kalender wird häufig als Hillelkalender bezeichnet und traditionell mit Hillel II. verbunden. Seine heutige Form entstand jedoch über einen längeren geschichtlichen Entwicklungsprozess. Die verbreitete Vorstellung, sämtliche heutigen Regeln seien bereits im vierten Jahrhundert auf einmal eingeführt worden, wird durch die historische Forschung nicht bestätigt. (Sacha Stern: Entwicklung des rabbinischen Kalenders)
Für unsere Gemeinschaft wählen wir dennoch die Beobachtung als Grundlage. Wir möchten die Monatsanfänge mit dem tatsächlich sichtbaren Mond und den Jahresanfang mit der beobachteten Abibzeit in Israel verbinden. Berechnungen helfen uns dabei als Vorbereitung und zur Prüfung der Plausibilität von Berichten.
Auch der Wunsch nach Einheit ist für uns wichtig. Er erklärt die Stärke eines gemeinsamen berechneten Kalenders, entscheidet aber für sich allein noch nicht, welches Verfahren den biblischen Grundlagen am besten entspricht. Unsere Entscheidung für die Sichtung soll deshalb sorgfältig begründet sein und mit Respekt gegenüber Menschen einhergehen, die zu einem anderen Kalenderverständnis gelangen.
Wie wir unsere Termine bekanntgeben
In unserem Neumondplaner möchten wir euch bei der Orientierung begleiten. Erwartete Monatsanfänge und Festdaten behandeln wir zunächst als vorläufig, solange die für unsere Festlegung maßgeblichen Beobachtungen noch nicht bestätigt sind.
Auch Beobachtung wirft praktische Fragen auf: Bewölkung, widersprüchliche Berichte und unterschiedliche Einschätzungen des Gerstenstands können die Festlegung erschweren. Diese Schwierigkeiten nehmen wir ernst. Unser Ziel ist, die verwendeten Berichte und unsere Entscheidungen nachvollziehbar zu machen.
So möchten wir Gottes Festzeiten mit Ehrfurcht, Freude und einem lernbereiten Herzen feiern. Unsere Orientierung bleibt sein Wort; unseren Umgang mit Beobachtungen und historischen Quellen prüfen wir daran.